Facharbeit über das Hufrollensyndrom

von

Siegfried Fischer

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlagen

1.1 Woraus besteht die Hufrolle?
1.2 Was ist ihre Aufgabe?
1.3 Was begünstigt die Erkrankung?
1.4 Wie entsteht die Krankheit?
1.5 Was sind die ersten Anzeichen?

2. Die Erkrankung und Therapie

2.1    Wie kann man die Krankheit erkennen?
2.2    Wer kann dabei helfen?
2.2.1 Mit Hilfe des Hufschmiedes
2.2.2 Mit Hilfe des Tierarztes

3. Befunde welche den Verdacht bestätigen

3.1 Röntgenbefunde, die eine Podotrochlose wahrscheinlich machen
3.2 Röntgenbefunde, die eine Erkrankung sehr wahrscheinlich machen
3.3 Befunde anderer Untersuchungsverfahren, die eine Podotrochlose sehr
wahrscheinlich machen

4. Was kann dagegen getan werden?

4.1 Beim Beginn der Therapie
4.2 Bei sichtbaren Strahlbeinveränderungen
4.3 Weiterführende Therapien / operative Eingriffe

5. Ablauf der Bewegung


6. Beschlag und Kürzungsmöglichkeiten

6.1 Die Korrektur beim Kürzen 
6.2 Die Optimierung des Abrollpunktes
6.3 Die Vergrößerung der Unterstützungsfläche
6.4 Beschlag nach Hertsch
6.5 Die Stoßbrechung
6.6 Der Kunststoffbeschlag

7. Fallbericht

7.1 Um was für ein Pferd handelt es sich
7.2 Wie wurde es beansprucht
7.3 Wie bemerkte man die Erkrankung
7.4 Was wurde vom Tierarzt gemacht
7.5 Welche Beschläge wurden probiert
7.6 Welcher Beschlag brachte den Erfolg
7.7 Bilder vom heutigen Beschlag

8. Abschlussbemerkung


9. Angabe der Quellen

1. Die Grundlagen

1.1 Woraus besteht die Hufrolle?

Hufrolle groß

Die Hufrolle liegt im palmardistalen Bereich des Hufgelenkes und wird aus:

Hufbein (phalnax distalis),

Kronbein (phalnax media),

Strahlbein (os sesamoideum distalis), 

dem Hufrollenschleimbeutel (bursa podotrochlearis),

der tiefen Beugesehne (tendo musculus flexor digitalis profundus)

den Fesselbein-Strahlbein-Hufbeinbändern (ligamentum sesamoideum collaterale)

und dem Strahlbein-Hufbeinband (ligamentum sesamoideum distale impar).

Das Strahlbein

Das Strahlbein ist ein kleiner schiffchenförmiger Knochen. Bei diesem ist die palmare Gleitfläche mit hochfestem Faserknorpel überzogen. Dieser schützt das Strahlbein so vor starker Abnutzung durch die tiefe Beugesehne. Ebenso befindet sich ein Schleimbeutel zwischen dem Hufbein und der tiefen Beugesehne, welcher die Aufgabe der Polsterung und Schmierung übernimmt. Für die Positionierung des Strahlbeines sind drei Haltebänder verantwortlich.

Da meistens mehrere Komponenten der Hufrolle betroffen sind, spricht man vom Hufrollensyndrom oder von Prodotrochlose. In der Regel sind nur die Vordergliedmaßen betroffen, da diese die größte Last tragen.

1.2 Was ist ihre Aufgabe?

Die Aufgabe der Hufrolle ist die Vergrößerung der Umlenkfläche und somit Last- und Reibungsreduzierung der tiefen Beugesehne auf dem Strahlbein.

1.3 Was begünstigt die Erkrankung?

gebrochene Zehenachse

Zu kleine Hufe (z. B. Trachtenzwang).

Niedrige untergeschobene Trachten (kein ausreichender Platz für das Hufpolster und daraus resultierender Überbelastung).

Erbliche genetische Komponenten.

Lange Zehen und hohes Gewicht (behindert das Abrollen des Hufes und überlastet den Bandapparat).

Falsche Reitweise (z. B. keine Versammlung- daher keine Spannung im Rückenband u. in der Bauchmuskulatur und somit keine Entlastung der Vorderhand).

Überbelastung (Springen, Cutting, Barrellrace Überbeanspruchung beim Distanzreiten etc.).

Lokale Durchblutungsstörung (z. B. bei unsachgemäßem Bandagieren)

Bewegungsmangel (Knorpel kann sich nicht ernähren).

Angezüchtete Bewegungsmuster.

Veränderungen des Strahlbeins in seiner äußeren Form/ Kontur.

Veränderungen der Dichte des Strahlbeines (Verdichtung = Sklerosierung oder Aufhellung = Osteoporose).

Mängel in der Aufzucht (mangelhaftes Futter ergibt oft eine schlechte Knochensubstands).

Traumen.

Hufpolsterabbau durch mangelnde Durchblutung (zu langes Bandagieren).

Links ein geschädigtes Hufpolster rechts ein intaktes 

1.4 Wie entsteht die Krankheit?

Bei intensiver Belastung kann es durch die starken Erschütterungen (im Strahlbein/ Beugesehnenbereich) und zu tiefem Einsinken der Trachten bei weichem Geläuf (Erhöhung des Beugesehnendrucks) zu einer Überbelastung und Entzündung des Hufrollenschleimbeutels kommen. Meist tritt dies im Alter von 4-15 Jahren bei Warmblüter, Vollblüter, QHs und Reitpferden auf. Dadurch verändert sich die Synovia krankhaft, die Reibung wird größer und die Struktur des Strahlbeines verändert sich.


Gesunde Sehnengleitfläche / Krankhaft veränderte Sehnengleitfläche

Die Sehnengleitfläche am Strahlbein wird rau und die tiefe Beugesehne reibt dadurch mehr daran, was der Beginn eines Teufelskreises ist. Ohne rechtzeitige Abhilfe sind der Ausfall des Pferdes und dessen Schmerzen unausweichlich.

Einmal zerstörter Knorpel kann nicht mehr wiederhergestellt werden!

Daher sollte sich jeder Besitzer darüber Gedanken machen ob ein Freispringen in der Halle ohne vorheriges Anwärmen, dem Pferd auf Dauer Freude bereitet. Der Hufschmied sollte daher in seinem Beratungsgespräch die Geschichte des zu beschlagenen Pferdes geschickt hinterfragen und dann mit Feingefühl auf alle Missstände hinweisen und Lösungen oder Alternativen aufzeigen.

 In extremen Fällen kann es zu einer Verwachsung der tiefen Beugesehne und dem Strahlbein kommen. Bei erneuter Belastung führt dies zum Abriss und Unbrauchbarkeit des Pferdes.

Am Strahlbein selber kann es zum Knochenabbau kommen, den man bei Röntgenaufnahmen gut erkennen kann. An der Spitze der Gefäßlöcher kommt es zu kreisförmigen Aushöhlungen, welche als sogenannte „Lollipop lesions“ zu erkennen sind. Auch kann es zu einer Veränderung der Knochendichte kommen.
Weitere Varianten der Hufrollenerkrankung können eine Strahlbeinfraktur/ -fissur (in Verbindung mit einer Überbeinbildung oder aufrauen des Knochen), eine Verletzung der tiefen Beugesehne an ihrem Ansatzpunkt sein.

Auch ein Nageltritt kann verantwortlich für das Auftreten der Krankheit gemacht werden, da seine zerstörerische Kraft viele Teile der Hufrolle in Mitleidenschaft ziehen kann. Alle führen zu Symptomen der Hufrollenerkrankung.

1.5 Was sind die ersten Anzeichen?

Wendeschmerz auf hartem Boden.
Stumpfer Gang, v.a. auf hartem Boden.
Schwache Leistung.
Gangunwille.
Lahmheit unterschiedlicher Intensität auf einer oder beiden Vordergliedmaßen.
Lahmheit manchmal intermittierend.
Pulsation der Mittelfuß- bzw. Zehenarterien.
Entlastungshaltung im Stand.
Schmerzhaftigkeit in der Mitte des Strahles.
Trachtenschmerz unklarer Herkunft.
Schmerzen bei der Brettprobe


2. Die Erkrankung und die Therapie

2.1 Wie kann man die Krankheit erkennen?

Das Hufrollensymdrom kann viele Gesichter haben. Außerdem ist eine relativ große Zahl anatomischer Strukturen beteiligt, was die Diagnose auch für den Fachmann nicht immer einfach macht. Daher sollte bei ersten Anzeichen immer ein geeigneter Tierarzt hinzugezogen werden! Nur mit dessen Hilfe kann eine eindeutige Diagnose gestellt werden.
2.2 Wer kann mir dabei helfen
Behilflich sind der gute Sachverstand eines Bereiters,ein gut ausgebildeter Hufschmied und zur letzten Absicherung aller Vermutungen, der Tierarzt des Vertrauens.
Grundlegendes
Die Zusammenarbeit zwischen Tierarzt, Trainer, Besitzer und Hufschmied ermöglichen den Erfolg der Therapie und machen somit das Wohlbefinden des Pferdes aus. Eine ausgiebige Beratung des Pferdebesitzers durch den Tierarzt hinsichtlich eines dem Befund angepassten Trainings und die Rückmeldung des Pferdebesitzers an den Hufschmied bezüglich des Beschlages sind unumgänglich und Grundvoraussetzung.
„Miteinander arbeiten, nicht nebeneinander!“
Denn eine Rettungskette ist nur so gut wie ihr schwächtes Glied.

2.2.1 Mit Hilfe des Hufschmiedes kann man folgendes durchführen:

Die Arbeit auf dem Hufbock wird bei erkrankten Pferden oft als schmerzhaft empfunden und kann so schon als erster Hinweis dienen.
Lahmheitsuntersuchung (Takt und Gangbild).
Hufzangenprobe (Abdrücken des Hufes im Strahl und Trachtenbereich).
Vorführung in Bewegung

2.2.2 Mit Hilfe des Tierarztes kann man folgendes durchführen:

Keil oder auch Brettprobeprobe (Vorsicht -bei seitlicher angesetzter Probe kann das Pferd noch Stunden danach eine Lahmheit zeigen)
Tiefe Palmarnervenanästhesie (TPA).
Mittlere Palmarnervenanästhesie (MPA).
Ramus pulvinus – Infiltrationsanästhesie.
Bursaanästhesie meist Hufgelenksanästhesie.
Ultraschall, CT und Szinti.
Magnetresonanz Tomografie (MRT)
Röntgenuntersuchung.

 

Wichtig ist hierbei:

Eine Beurteilung kann nur erfolgen, wenn die Bilder eine ausreichende Qualität besitzen. Hierfür muss das Eisen abgenommen, der Huf vor dem Röntgen ausgeschnitten, gesäubert und mit Kitt ausgeschmiert werden! Für die Röntgenuntersuchung des Strahlbeines sind die sog. Oxspring – sowie Skyline – Aufnahmen von besonderer Bedeutung. 

Hier eine Oxspring Aufnahme

3. Befunde welche den Verdacht bestätigen

3.1 Röntgenbefunde, die eine Podotrochlose vermuten lassen:

Veränderungen des Strahlbeins in seiner äußeren Form/ Kontur.
Veränderungen der Dichte des Strahlbeines (Verdichtung = Sklerosierung;
Aufhellung = Osteoporose).
Abnorme Anzahl von Gefäßkanälen im Strahlbein (4 – 6 Gefäßkanäle sind bei Pferden < 10 Jahren als normal einzustufen).
Abnorme Form und Größe der Gefäßkanäle (Lolipops).
Keine deutliche Abgrenzung zwischen Knochenrand und Kern des Strahlbeines.

3.2 Röntgenbefunde, die eine Erkrankung sehr wahrscheinlich machen:

Strahlbeinzysten.
Alte Fissur-/ Frakturlinien im Strahlbein.
Zustand nach Fissur/ Fraktur, wobei die Knochenheilung nur unter Überbeinbildung erfolgte (Osteophyten/ Exostosen am Strahlbein).

3.3 Befunde anderer Untersuchungsverfahren, die eine Podotrochlose sehr wahrscheinlich machen wie z. B. die szintigrafische Diagnostik

  • Unruhige Struktur des Strahlbein – Hufbeinbandes .
  • Unruhige Struktur der Strahlbein – Hufbein – Fesselbeinbänder.
  • Verdickung der Bursawand.
  • Abnorme Füllung der Bursa podotrochlearis.
  • Abnorme Zusammensetzung der aus der Bursa gewonnenen Synovia.
  • Erhöter Innendruck der Bursa podotrochlearis (dies ist eine neue Methode)

Das Hufrollensyndrom ist seiner Natur nach, eine oft schon chronische und degenerative Erkrankung (d.h. mit Funktionsverlust einhergehend).
Es ist möglich, dass Anteile der Hufrolle akut und nicht degenerativ erkranken. Dies fällt dann noch nicht unter „Hufrollensyndrom“ – kann aber darin enden!

4. Was kann dagegen getan werden?

4.1 Beim Beginn der Therapie:

Mit einer geeigneten Reitweise die Körperspannung erhöhen und so die Vorderhand entlasten (vom Reiter)
Beim Kürzen der Hufe ist darauf zu achten, dass die Zehe so stark wie möglich beschnitten wird und die Trachten geschont werden
(v. Hufschmied)
Mit Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID) den Schmerz nehmen (v. Tierarzt)
Bei akutem Schmerz Boxenruhe geben (v. Tierarzt) 
Später wohldosiertes Training auf geeignetem Boden (vom Reiter)
Chondroprotektiva = Knorpelschutzpräparate (v. Tierarzt)
Heparin fördert die Durchblutung (v. Tierarzt)
Hyaluronsäure ins Gelenk gespritzt, soll die Viskosität der Gelenkflüssigkeit und die Gleitfähigkeit des Knorpels verbessern, außerdem dessen Stoffwechsel und Ernährung unterstützen (v. Tierarzt)
Lokale Behandlung von Bursa und/ oder Hufgelenk (Kortison u. IRAP) (v. Tierarzt)
Begleitend soll ein geeigneter Beschlag vom Hufschmied in enger Absprache mit dem behandelten Tierarzt angebracht werden (v. Hufschmied)

4.2 Bei sichtbaren Strahlbeinveränderungen:

Calcitonin (fördert die Kalziumeinlagerung in den Knochen).
Tildren (hemmt die Knochen abbauenden Osteoklasten).
Stoßwelle.

4.3 Weiterführende Therapien wären operative Eingriffe wie z. B.:

Durchtrennung des Unterstützungsbandes der tiefen Beugesehne.
Durchtrennung der Strahlbein – Hufbeinbänder.
arthroskopische Begradigung der Strahlbeinfläche (Debridement)
radikalste Methode: Nervenschnitt der Rami palmares lat. et med. (Neurektomie*)
*Die Neurektomie gilt als zweifelhafte und überholte Methode, derer mögliche Nebenwirkungen sind:
Tumorwachstum (Neurinom)
verändertes Gangbild durch veränderte Sensibilität (kein Tastsinn)
andere Erkrankungen, wie Hufabszess oder sogar Frakturen, werden nicht mehr erkannt, da das Schmerzempfinden verändert ist
Schmerz trotz OP durch kleine Nervenäste noch vorhanden


5. Ablauf der Bewegung

Wenn das Pferd auffußt (1 Stützbeinph.), dringt der hintere Bereich des Hufes mehr in den Boden ein. Dabei werden die Gelenke gestreckt, die Sehnen stehen unter höchster Spannung und das erkrankte Pferd verspürt Schmerzen. Wenn anschließend der Huf durchgedrückt (2 Stützbeinph.) wird und sich die Fessel wieder aufrichtet, reibt die tiefe Beugesehne am Strahlbein, was den Schmerzzustand noch einmal erhöht. Es gilt also, das Einsinken der Trachten zu verhindern und das Abrollen zu verbessern. Dieses kann man durch verschiedene Hufbeschläge erreichen.


6. Beschlagglichkeiten:

Bei der Wahl des Beschlages spielt die Haltung und spätere Nutzung eine wesentliche Rolle. Generell gilt es, beim Beschlag von Pferden, die am Hufrollensymdrom erkrankt sind, folgendes zu beachten, denn das ideale “Hufrolleneisen” gibt es nicht. Jeder Huf muss individuell nach seinen Bedürfnissen oder Veränderungen beschlagen werden. Die Pferde versuchen die Trachten zu entlasten. Es gilt also, das Einsinken der Trachten zu verhindern und das Abrollen zu verbessern. Der zum Erfolg führende Beschlag kann aus einer Komponente bestehen oder aber aus einer Kombination von Möglichkeiten.

6.1 Die Korrektur beim Kürzen 

Die Zehe stark beschneiden und die Trachten erhalten oder aufbauen um eine günstigere Fesselwinkelung zu erhalten. Die Fesselstands- Theorie sollte nach Möglichkeit beherzigt werden, da ein Hochstellen eine Überlastung der Trachten und Verkürzung der TBS zwangsweise mit sich bringt. Eine Belastungsverteilung wobei der Strahl mit zum Tragen genutzt wird, kann leider nicht bei allen Pferden genutzt werden.

6.2 Die Optimierung des Abrollpunktes

Der Abrollpunkt sollte möglichst dicht an die Hufbeinspitze gelegt werden da die Pferde beim Abfußen die meisten Schmerzen empfinden. Durch zurücklegen der Vordereisen mit Zehenrichtung ist dies leicht zu bewerkstelligen. So bringt man den Fuß schneller zum Abrollen, was eine erhebliche Entlastung im Bereich der Hufrolle bedeutet. Mit einem NBS – Beschlag, oder aber auch mit einem Vordereisen und zwei seitlichen Aufzügen kann dieser Effekt erreicht werden.

6.3 Die Vergrößerung der Unterstützungsfläche

Schlusseisen, Herzeisen, Eiereisen und Stegeisen finden hier Verwendung. Diese Eisen haben einen dynamischen Effekt auf weichem Boden, auf dem die meisten Pferde gehalten und gearbeitet werden. Die Wirksamkeit dieser Hufeisen liegt in der Vergrößerung der Unterstützungsfläche, um so ein Einsinken der Trachten zu verhindern. Dies bedeutet weniger Streckung der Gelenke und Lastreduzierung der tiefen Beugesehne.
 Eine Vergrößerung der Unterstützungsfläche kann auch durch Eisen mit langen und/oder verbreiterten Schenkeln erreicht werden.

6.4 Beschlag nach Hertsch

Der Huf wird korrekt nach der Fesselstands Theorie gekürzt, unbeachtet von Verstellungen oder des Alters vom Pferd. Das Hufeisen bekommt ein exakt gerades Zehenteil, eine starke angeschmiedete Zehenrichtung und wird bis ca. an die weiße Linie zurückgesetzt. So läuft die Abrollbewegung genau über die Zehenmitte. Der Steg wird etwa am Anfang des letzten Strahldrittels in das Eisen gesetzt. Es sollten mindestens 3 mm Freiraum zwischen Steg und Strahl bleiben, damit der Hufmechanismus intakt bleibt.


6.5 Die Stoßbrechung

Im akuten Fall der Hufrollenentzündung kommt es auf eine gute stoßbrechende Polsterung an. Dies wird durch ein sehr weiches PU-Polster unter einer Platte erreicht, welches im Strahlbereich und der Trachten wirken sollte. Bei empfindlichen Pferden kann es auch durch das Polster zu einem Sohlendruck kommen. Bei diesen sollte man auf das Polster verzichten, und stattdessen eine Kunststoffplatte mit Teilpolster oder eine andere Beschlagsvariante benutzen. Hier ein Lederpolster, welches nur den Tragerand schützt.
 

6.6 Der Kunststoffbeschlag

Eine weitere Variante wäre ein Kunststoffbeschlag, der sich vom Kürzen her nur gering vom Eisenbeschlag unterscheidet. Die Tragfläche innerhalb der weißen Linie ist breiter, als beim Hufeisen. Der PU Beschlag bringt einige positive Eigenschaften mit sich, wie z. B. die stoßbrechende Wirkung und die vergrößerte Auflagefläche im Strahlbereich bei geringem Gewicht. Das Einsinken im Trachtenbereich wird weitgehend vermieden und der Hufmechanismus wird sowohl horizontal als auch vertikal ermöglicht.

7. Der Fallbericht

7.1 Um was für ein Pferd handelt es sich

In diesem Fall handelt es sich um eine Quaterhorsestute im Alter von 11 Jahren. Sie ist vom Gebäude her ein hochrechteckiges Pferd mit raumgreifender Hinterhand. Von vorne gesehen steht sie am Boden regelmäßig bei etwas zehenweiter Stellung. Die Karpalgelenke sind ein wenig nach innen geknickt und die vorderen Hufe an der Krone medial eingesetzt. Von der Seite betrachtet steht sie leicht vorständig, hat einen flachen Zehenwinkel und untergeschobene Trachten. Dazu kam, dass der linke Huf flacher und breiter war – der Rechte steil und eng.
Alles ungünstige Voraussetzungen für eine frühzeitige Hufrollenerkrankung.

7.2 Wie wurde es beansprucht

Sie wurde im Westernstil geritten und auf Turnieren bei schwierigen Prüfungen regelmäßig vorgestellt. Das war auf Dauer eine zu hohe Belastung, daher wird sie heute nur noch als Freizeitpferd genutzt.


7.3 Wie bemerkte man die Erkrankung

Bei ihr wurde vor 6 Jahren, das Hufrollensyndrom festgestellt. Zu Beginn der Erkrankung zeigte sie erst einen verhaltenen Gang und eine geringe Lahmheit in weichem Geläuf. Nach einigen Tagen Stallruhe verschwanden die Anzeichen, kehrten aber rasch bei Belastung in weichem Boden zurück.

7.4 Was wurde vom Tierarzt gemacht

Nach Hinzuziehung des Tierarztes wurde eine Brettprobe gemacht, diese fiel leider positiv aus ,was eine Erstellung von Röntgenbildern unumgänglich machte. Nach ihrer Auswertung zeigten sich schon Veränderungen am Strahlbein. Danach verabreichte der TA. Medikamente (wie im Vorfeld beschrieben) und verordnete einen Hufrollenbeschlag mit Eiereisen.


7.5 Welche Beschläge wurden probiert

Anfangs wurden die Hufe an der Zehe gekürzt und an den Trachten geschont. Mit Eiereisen und starker Zehenrichtung beschlagen, um den Huf gut zu unterstützen und das Abrollen zu erleichtern. Leider trat sie sich diesen Beschlag mehrfach ab. Um andere Verletzungen nicht zu provozieren, entschied man sich für einen kurzen Beschlag

Also versuchte man es mit MBS Hufeisen zur Optimierung des Abrollpunktes, was leider auch nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Die Stute wurde öfter auf weichem Untergrund geritten, was eine Vergrößerung der Auflagefläche erforderte.

Somit war ein Beschlag mit normalen Hufeisen, angebogener Zehenrichtung, Steg, Platte und Polster eine naheliegende Lösung. Gekürzt wurde wie beim ersten Beschlag. Das Laufverhalten verbesserte sich enorm. Allerdings kam es schnell zur Strahlfäule und so schloss sich eine komplett geschlossene Platte aus.

7.6 Welcher Beschlag brachte den Erfolg

Erst ein Beschlag mit Marathonkeilen und Rollereisen, einem kleinem Polster bei zurück- gelegtem Abrollpunkt, brachte das Wohlbefinden des Pferdes rasch zurück. Das Ausschneiden der Hufe wurde wie folgt geändert. Da der linke Huf flacher war, wurde dieser stärker an der Zehe gekürzt als der Rechte. Die Trachten wurden an beiden Hufen nur soweit beschnitten, bis sie wieder tragfähig waren. Der Strahl wurde zum Tragen gebracht und erholte sich schnell. Da er durch die spezielle Form der Keilplatte wieder beansprucht und besser durchblutet wurde.

Der Huf kann jetzt leichter gesäubert werden und die Strahlfäule ging stark zurück.

Durch das Kürzen der Trachten und Nutzen der Keilplatte konnten längere Hufeisen genutzt werden, ohne den Fesselstand negativ zu beeinflussen. Somit gibt es keine Möglichkeit zum Abtreten des Hufeisens. Dennoch muss der Beschlag kurzgehalten werden, da es sich um ein hochrechteckiges Pferd mit raum- greifender Hinterhand handelt.

Seit diesem Zeitpunkt wird der Beschlag alle 7 bis 8 Wochen erneuert, um ein ungünstiges Zehen / Trachtenverhältnis zu vermeiden und die Schmerzfreiheit zu erhalten.

7.7 Bilder vom heutigen Beschlag

8. Abschlussbemerkung

Heute wird die Stute nur noch in der Freizeit geritten und mit Koppelgang gehalten. Diese abgestimmte Nutzung und Pflege des Pferdes liefert ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Tierarzt, Hufschmied, Reiter und Besitzer. So gewährleistet diese perfekte Pflegekette eine fast schmerzfreie Zukunft der Stute über mehrere Jahre hinweg.

9. Angabe der Quellen

Die Daten und Bilder stammen aus:

Büchern wie:

Adam´s „Lahmheit bei Pferden“,
Hickman „Der richtige Hufbeschlag“,
Christopher Pollitt „Farbatlas Huf“,
Rob van Nassau „Hufprobleme beim Pferd“,
Wissdorf, Gerhards, Huskamp und Deegen „Anatomie und Propädeutik des Pferdes“
Dr. Hermann Ruthe „Der Huf“

Dem Internet:


Pferdeklinik Grossostheim mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Christian Bingold

Praxis Dr. Gert Müller in Bad Grönenbach
Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München
Wikipedia
PM Huftechnik
Unterlagen der Rheinischen Hufbeschlagschule in Sessenbach

Und eigenen Unterlagen und Bilder




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